Organisierte Unverantwortlichkeit

«Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen.» Dieses Diktum stammt aus Afrika. Das Dorf als wirtschaftlich-kultureller Organismus fühlte sich kollektiv verantwortlich für Bildung und Erziehung. Das Sprichwort könnte auch ein hiesiges sein. Denn: Noch ist es nicht allzu lange her, galt ein ähnliches Verständnis auch hierzulande. Und: Schule und Lehrer waren Teil dieses Dorfes – identitätsstiftender Teil.

Tempi passati. Heute ist Splitting angesagt und Sharing – vom Auto über den Job bis zur Familie. Da braucht man nicht Position zu beziehen wie früher im Dorf. Zuständig sind ja die anderen. Organisierte Unverantwortlichkeit heisst das Stichwort. «Ich bin als Lehrer nur zuständig für Mathematik.» Das ist bequem. Und falsch. «Wenn ein Schüler nicht will, ist er selber schuld.» Das ist bequem. Und falsch. «Die Schule kann ja nicht der Reparaturbetrieb für die Gesellschaft sein.» Das ist auch bequem. Und auch falsch.

Denn genau das ist Aufgabe der Schule: sich zuständig zu fühlen, zuständig für eine integrale Form von Bildung und Erziehung im Verständnis des englischen «Education». Und weshalb? Weil es sich nicht trennen lässt. Deshalb! Schlicht und einfach. Das war in den nahen und fernen dörflichen Strukturen selbstverständlich. Weil man sich eben zuständig fühlte. Weil man sich weniger abgrenzte. Weil man präsent war. Und weil man die Kinder nicht einfach vor den Bildschirm setzen oder in die Therapie schicken konnte.

PS: Als Internat pflegen wir dieses «dörfliche» Verständnis von Bildung und Erziehung. Das ist zwar mitunter unbequem. Aber es macht Spass. Weil es unbequem ist …

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